Warum die Uhren falsch gehen!

„Achtung, ab jetzt geben wir Ihnen die Abfahrtzeiten der Deutschen Bahn in Echtzeit durch!“ lautete eine Ansage, die ich jüngst im Zug hörte. Echtzeit, dachte ich, sieh mal an! Welche Zeit haben sie denn vorher durchgegeben? „Achtung, wir geben Ihnen jetzt die Abfahrtzeiten durch. Allerdings in Falschzeit. Alle Züge sind pünktlich…“

Das könnte einiges am Zeitverständnis der Bahn erklären, welches sich ja eher buddhistisch definiert („Zeit ist eine Illusion, alles ist Ewigkeit“). Das unterscheidet die Bahn etwa vom Autofahrer, der die Zeit als kapitalistische Investition betrachtet („Zeit ist Geld“), und daher bewusst auf den Zug verzichtet, weil er die Entfernung Berlin-München mit dem Auto spielend in vier Stunden bewältigt – und „mal ganz ehrlich, der Sprit ist immer noch billiger als dieses Ökozeug von der Bahn.“ Immerhin fährt er einen VW-Diesel…. Um dann acht Stunden später genervt einzutreffen, wofür er allerdings nichts kann, da Stau war und „der blöde Staat die Autobahn nicht den tatsächlichen Anforderungen angepasst hat“. Also ein Zeitverständnis, dass sich außerdem am Existenzialismus orientiert „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Jean-Paul Sartre).

Ich stelle mir häufig die Frage, ob wir überhaupt in einer realen Welt leben. Neulich saß ich in der Kantine des Berliner Ensembles und hörte folgende Ansage (zu Schillers „Die Räuber“): „Die Herren Räuber bitte in der Requisite die Waffen abgeben!“ Ja, dachte ich, vielleicht hatte Shakespeare recht, als er sagte: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ Vielleicht treten wir alle auf und müssen am Ende des Lebens in der Requisite die Waffen (oder den Löffel) wieder abgeben. Um dann zu entdecken, dass die deutsche Bahn immer schon die Mutter der Philosophie war, und auch die Echtzeit bloße Illusion…