Warum die Wahrheit irrelevant ist!

Die Post ist nicht wirklich hip. Sie kommt sehr viel langsamer als „normale“ elektronische Post und enthält meist auch nur unangenehme Dinge wie Rechnungen oder Werbung, die man erst aus einer Plastikfolie befreien muss, bevor sie politisch korrekt getrennt entsorgt werden kann. Ähnlich geht es jetzt „Fakten“. Erinnert der Fakt doch stark an ein schmutziges Bild (Akt), das mit einem F-Wort kombiniert wurde. Und auch der Fakt wird jetzt politisch korrekt getrennt entsorgt.

Denn wir leben angeblich im „postfaktischen Zeitalter“. „Postfaktisch“ (jenseits der Fakten) hat es gestern sogar zum „Wort des Jahres“ geschafft. Leider kann ich mich nicht erinnern, jemals in einem „faktischen Zeitalter“ gelebt zu haben. Fakten waren schon immer unbeliebt. Sie stören. Sie sind das Elite-Wort für „Tatsachen“, und mal ganz ehrlich: „Tat-Sache“ ist ein Widerspruch in sich selbst. Eine Tat kann keine Sache sein und andersrum.

Fakten sind doof. So differenziert. Kompliziert. Deprimierend. Wir sind für kurze Zeit am Leben und im Grunde komplett irrelevant – Fakt. Wer will das hören? Deshalb haben wir noch nie in einem wirklich „faktischen“ Zeitalter gelebt. Allerdings ist das „Postfaktische“ mittlerweile derart populär, dass es sich schon fast um eine neue spirituelle Bewegung handelt: „Transzendentaler Faktizismus“ – die Überwindung der Tatsache durch den Glauben. Früher nannte sich das noch „Religion“.

Andererseits hat das „Postfaktische“ auch seinen Charme. Die meisten Steuererklärungen waren schon immer postfaktisch, fast religiöse Wunder, jedenfalls die von Hoeness und Mesut Özil. Auch in Beziehungsstreits kann man jetzt dem Partner an den Kopf schleudern: „Ach, hör doch auf mit deinen Fakten, die haben doch sooo einen Bart!“ „Also hast du also jetzt mit Uschi geschlafen?“ „Nein!“ „Lüge!“ „Keineswegs, es handelt sich um eine postfaktische Tatsache!“… Man kann auch Spaß damit haben.

Seien wir ehrlich: Faktisch waren wir noch nie. Das lange Zeitalter des „Prä-Faktischen“ dauert an. Bleibt zu hoffen, dass der Mensch eines Tages faktisch wird. Und damit erwachsen.