Warum Özil ein Held ist!

Fernandinho (Brazilien) als „Affe“ beleidigt, Mesut Özil als „Ziegenficker“ und Schlimmeres verunglimpft, ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann frauenfeindlich beschimpft. Das ist die dunkle Seite der Fußball-WM in Russland. Ausgerechnet Özil soll Schuld am frühen Aus der Deutschen sein (zumindest Jens Maier (AfD) und einigen Gleichgesinnten zufolge).

Nun kann man sicher Einiges gegen Mesut Özil vorbringen. Das Foto mit Erdogan war sicher nicht der schlaueste PR-Gag aller Zeiten. Seine Reaktion darauf auch nicht – man könnte meinen, Josef „Victory-Zeichen“ Ackermann wäre sein PR-Berater. Bedenklicher noch ist seine Einstellung zu Steuergerechtigkeit – eine glatte 9 auf der „Hoeneß-Skala der Finanz-Idiotien“ von 1-10. Und vielleicht hat er nicht besser, aber auch nicht schlechter gespielt als seine Team-Kameraden. Dafür spielt er allerdings erheblich besser als alle, die ihn jetzt kritisieren. Warum soll ausgerechnet er jetzt der Buhmann sein?

Das Ganze hat vielleicht systemische Gründe. Denn das ist doch das menschliche Dilemma: Geborenwerden ist zeitgleich ein Todes-Urteil. Mit zunehmendem Alter rückt der Tag der Hinrichtung näher und die Laune sinkt– wir alle sitzen im Todes-Trakt des Lebens. Da versuchen Hominiden mit begrenzter Restlaufzeit ihre Depression damit zu vertreiben, sich als Teil der Horde zu fühlen nach dem Motto: Wenn ich schon demnächst über die Klinge springe, lebt wenigstens ein Teil von mir in der Horde weiter. Da die Horde sich aber mit zunehmender Verstädterung auflöst, muss eine neue Projektionsfläche her, um der frühmenschlichen Sehnsucht nach Unsterblichkeit Genüge zu tun: Die National-Elf – das ist „meine“ Horde. Affenschreie im Stadion sind also vermutlich das Ehrlichste, was diese zurück gebliebenen Hominiden von sich geben können: Schau her, mein Hirn ist immer noch im Neandertal!