Warum wir an Märchen glauben!

„Was wünschst du dir zu Weihnachten?“ frage ich meinen kleinen Bruder neulich. „Nix“, sagt er, wie immer. Wenn kleine Brüder erst mal jenseits der 50 sind, wird es mit der Schenkerei schwerer. „Ach, komm,“ sage ich, „irgendwas wirst du dir doch wünschen.“ „Ein Einhorn!“ murmelt er deprimiert, während er auf seinen Investitionsplan schaut.

Einhorn – verdammt. So nennt man in der Finanzwelt ein mit über einer Milliarde Dollar bewertetes Start-Up. Wie etwa die Plattform „WeWork“, die fesche Büro-Räume vermietete und in den letzten Wochen in die Krise geriet. Gründer Adam Neumann brachte es fertig, das im Januar noch mit 47 Milliarden bewertete Start-Up auf 8 Milliarden herabzuwirtschaften. 39 Milliarden Euro mal eben „verbrannt“. Das sind gut 131 Millionen für jeden Tag dieses Jahres. Dafür hätte man in Deutschland das Klimapaket finanzieren, die Firma Schlecker dafür 39 Mal Konkurs gehen und Charlie Sheen vollgekokst einen Dreier mit Megan Fox und Lindsay Lohan schieben sowie obendrauf die teuerste Immobilie des Jahres in Bel Air erwerben können für knapp 100 Millionen – mit 21 Badezimmern. Für den ganz großen Durchfall. Und zwar jeden Tag neu!

Adam Neumann selbst hat sich sein Versagen mit etwa 1,5 Milliarden vergüten lassen. Scheitern muss sich wieder lohnen! Wenn es um Start-Ups geht, beginnt für Investoren eben die Märchenstunde. Weil sie wahrscheinlich in der Schule fehlten, als das Thema „Einhörner gibt es nicht“ behandelt wurde. Die Droge „Start-Up“ beweist, dass man sich an der Wall Street auch ohne Crack einen goldenen Schuss setzen kann. Nicht umsonst heißt es „Finanzspritze“, welche die japanische „Softbank“ in WeWork investierte (insgesamt 20 Milliarden).

Ein Einhorn! „Sei doch bitte realistisch,“ sage ich zu meinem Bruder. „Ok,“ meint er, „dann eben ein fair bewertetes Start-Up.“ „Uh… Welche Farbe soll dein Einhorn haben?“