Warum wir jetzt Großverbreiter sind!

„Weißt du, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin?“ fragt mich mein 12jähriger Neffe. Da seine Berufswünsche sich im Wochenrhythmus ändern, frage ich nur mäßig interessiert nach: „Na?“ – in der Erwartung, wie so häufig „YouTuber“ zu hören oder „Influencer“. „Superspreader!“ schleudert er mir begeistert entgegen.

Das ist in der Tat neu. Sowohl der Begriff als auch der Beruf. Aber gerade die Ereignisse des letzten Wochenendes haben den „Superspreader“ (korrekt „Ssuperschpredder“ ausgesprochen) mächtig in den Fokus gerückt. Wenn etwa ironischerweise ein Restaurant in Leer zu voll ist… Was mich zu folgendem Limerick inspiriert: „Es war mal ne Kneipe in Leer, da ging es wohl ziemlich hoch her, mit Vadder und Vedder – als Superspreader – jetzt geht in Leer bald nix mehr!“ Auch das gemeinsame Beten in Frankfurt erwies sich als fatal, was viele Interpretationen zulässt von „da steckt der Teufel drin“ über „Gott bevorzugt stille und einsame Gebete“ bis hin zu „der Herr hat eure Gebete erhört und will die Seinen zu sich holen“.

Nun ist die Idee starker Vervielfältigung nicht neu. Häufig waren Superspreader ein Segen für die Menschheit. Die Buchpresse etwas war ein Superspreader für die Ideen der Aufklärung. Das Internet ist ein Superspreader für Kontakt und Produktivität, aber auch für Schwachsinn und Verklärung. Einige Männer träumen davon, Superspreader für Nachkommen zu sein. Nicht auszudenken, was Bob Marley (der zwischen 22 und 46 Kinder zeugte – die Dunkelziffer ist hoch) mit Hilfe von Tinder anrichten könnte…

Es gibt viele gute Gründe, Superspreader der einen oder anderen Art zu werden. Nur als „Corona-Superspreader“ möchte man nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Mein Neffe ist den Tränen nah. „Was soll das heißen: Es gibt keine Ausbildung für Superspreader? Was ist mit ,Gewohnheitstrinker‘? Geht das etwa auch nicht? Ist es dir vielleicht lieber, wenn ich „Arbeitslosigkeit“ studiere? Und gleich Pilot werde?“ Er ist gerade in einer etwas schwierigen Phase…