Kolumne

Warum wir mehr Ceta-Gezeter brauchen!

Das alte Rom war auch mal so was wie eine Demokratie. Dann wurde die zugunsten von Partikularinteressen (nämlich denen der Cäsaren) abgeschafft. Dann gab es Zirkusspiele. Das war lustig, weil Christen verbrannt wurden. Anschließend überrannten Barbaren Rom.

Gottseidank sind diese Zeiten vorbei. Wir leben in einer echten Demokratie. Aber das (sieht man ja an den Briten) hat auch Nachteile. Das verstehen die neuen Cäsaren (also der globale Geldadel) und schicken einen ihrer besten Zenturios ins Feld: Jean-Claude Juncker, besser bekannt als „Amazon-Toyboy“ (weil er dem Konzern als Ministerpräsident von Luxemburg massive Steuererleichterungen bescherte). Wodurch er Europa um viele Steuer-Milliarden brachte, aber wie durch ein Wunder immer noch auf freiem Fuß ist. Er ist sogar Präsident der EU-Kommission. Da fragt man sich, wann Kaufhauserpresser Dagobert endlich in den Vorstand der Deutschen Bank aufrückt. Vermutlich verfügt letzterer einfach nicht über genügend kriminelle Energie…

Zenturio Juncker jedenfalls plante er bis gestern, das Freihandelsabkommen CETA mal eben an den nationalen Parlamenten vorbei zu ratifizieren. CETA, nur zur Erinnerung, ist der fiese, noch gefährlichere kleine Bruder von TTIP. CETA würde für ein verschwindend geringes Wirtschaftswachstum Verbraucherschutzrechte inklusive Demokratie auf dem Altar des Freihandels opfern. CETA ermöglicht jedem US-Konzern mit Briefkasten in Kanada, die EU vor privaten Schiedsgerichten zu verklagen. Kurz: wer CETA hat, braucht kein TTIP mehr.

Doch dann schreitet ein Held der Demokratie, der Recke Siggi G, ein und will CETA vom Bundestag ratifizieren lassen. Das kleine Schein-Scharmützel dient dazu, Sigmarius Gabrielus reinzuwaschen, um als Pontius Pilatus des Freihandels in die Geschichte einzugehen. Und dann heißt es: Vale, Democatia (Tschüss, Demokratie). Mal gucken, wen man demnächst so zum Verbrennen findet. Die Barbaren warten bereits.

 

Warum wir bald alleine sind!

Donnerwetter – da haben die Briten ja noch mal gut nachgelegt. Erst EU-Brexit, dann EM-Brexit – ihnen gelingt so das Kunststück, den „doppelten Rittberger mit Salto rückwärts“ aus dem Eiskunstlauf in Fußball und Politik zu importieren! Das jetzige Chaos erinnert uns jetzt an wichtige Dinge: Man braucht eine Exit-Strategie!

Diese muss den Austritt der nächsten Abtrünnigen geschmeidiger gestalten. Teure Abstimmungen sind da kontraproduktiv. Vielleicht sollte ein Zusatzkreuz bei der nächsten Parlamentswahl reichen. Denn die EU ist am Ende. Die Frage ist nur: Wann? In 10 Jahren? 100? 1000? Die Frage ist also nicht, ob die EU kaputt geht, sondern nur, ob unser eigener Exit vor dem Eur-Exit erfolgt. Aber es ist nie zu früh, an die Zukunft zu denken, daher muss bereits über ein Europa ohne Europa, also ohne EU, nachgedacht werden. Es braucht eine Neu-Ordnung und vor allem ein feierliches Re-Branding der einzelnen Nationalstaaten, je nach Austrittsgrund aus der EU. Groß-Britannien sollte sich nach dem EU-Austritt und der Sezession der Schotten zügig in „Rest-Brexitannien“ umbenennen.

Die Holländer werden vermutlich die nächsten sein. Das Land wird dann die „Nie-Wiederlande“ heißen. Auch in Frankreich gärt es: in Zukunft „Frank-reicht“! Gefolgt von Griech-Endland, Itali-End, Spa-Nie, Portu-vergällt, Luxem-Bye, Bell-Igittien, Öst-erreicht, Ungern, Finish-Land, Ent-Schweben, Dünne-Mark, Ver-Polen, Verw-Estland, Lit-Aua, Out-Let-Land, Slow-Weh-Nie-n, Check-ihn-out-ien, Slow-Walk-Bye (Slowakien), Mal-da – mal-dort (Malta) und einigen anderen. Drin bleiben am Ende nur noch „Remain-ien“ und Deutschland, das aber nach der Abspaltung Bayerns (besser bekannt nach der Verlängerung des Oktoberfestes als „Breitstaat Fayern“) und der östlichen Bundesländer („Freistaat Thür-Sachsen-Angehalten-Brand-Meckern“) nur noch „Ger-mini“ heißt.

 

Warum jetzt die Briten groß im Kommen sind!

Oops! Brexit. Das ging schief. Jetzt brauchen wir Schadensbegrenzung. Als Sofort-Maßnahme empfehle ich die Umbenennung der rechtsnationalen UKIP, also der „United Kingdom Indepence Party“. Denn natürlich werden die Schotten jetzt als unabhängiges Land in der EU bleiben, wodurch das Königreich nicht mehr „united“ (vereint) ist. Die UKIP Polit-Sekte sollte sich nur noch KIP nennen.

Mutig auch, dass die Briten sich per Brexit vom Wohlstand verabschieden, nach dem Motto: Ein Brot schmeckt einfach besser, wenn man drei Tage lang nix gegessen hat. Natürlich werden nicht alle Briten diesem kargen, aber gesunden Motto folgen. Die Flüchtlingslager in Calais müssen daher ausgebaut werden – nicht für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, sondern aus dem nahen Westen.

Mein Mitbewohner produzierte grade eine App: „German Road Safety“ – es gibt sie auf Arabisch, Englisch und Deutsch. Als ich ihn fragte, warum das Ding nicht „Deutsche Straßensicherheit“ heißt, meinte er, er habe schon mal vorausschauend Flüchtlinge aus Großbritannien miteinprogrammiert. Denn die werden kommen, speziell aus Schottland und Nordirland. Wir brauchen jetzt eine neue „Welcome Culture“.

Wie sie etwa die Deutsche Bahn vormacht, die schon seit Jahren mit britischen Flüchtlingen rechnet und stolz verkündet: „Our next stop is Mannheim“ (obwohl es ja korrekterweise „ManHome“ heißen müsste). Und natürlich unser Liebling, die Telekom. Mit Tarifen wie „Home Sweet Home“ und „Magenta Smart Home & Tablet“ wird sich der Brite nur noch fragen müssen, was zum Teufel eigentlich „Magenta“ heißt. Aber das, liebe Ex-Briten, wissen wir auch nicht.

Kleines Trostpflaster: Die Unterdreißigjährigen haben mehrheitlich für die EU gestimmt. Wir müssen also nur warten, bis die Holzköpfe tot (oder verhungert) sind – dann kommen die Briten zurück.

Warum wir die Briten vermissen!

Wenn der Brexit kommt, ist Barack Obama dran Schuld. Denn der warnte die Engländer vor einigen Wochen vor einem Austritt aus der EU. Das lässt man sich als Angehöriger einer ehemaligen Weltmacht natürlich ungern sagen. Die Konsequenzen sind unabsehbar, denn morgen lautet die spannende Frage: To Brexit or not to Brexit – um mal mit Hamlet zu reden. Obwohl natürlich Hamlets Meinung in diesem Fall nichts gilt. Schließlich ist er Däne. Andererseits sieht Hamlet einen Geist – insofern könnte er ein wichtiger Verbündeter der Brexit-Fans sein. Denn Geister bestimmen letztlich unser Leben. Nicht echte Geister jetzt. Eher unsere Einbildungen.

Ich sah neulich übrigens auch einen Geist. Er befahl mir, Angela Merkel zu töten. Ich ignorierte den Befehl, weil der Geist verdächtig nach Horst Seehofer aussah, und ich bayrische Befehle nur befolge, wenn dabei mindestens eine Innenstadtwohnung in München als Belohnung herausspringt und nicht nur diese kümmerliche Zweiraum-Klitsche am Rande von Nürnberg, wie der Geist sie mir antrug. Überdies habe ich schon bei der Ermordung von Mücken moralische Bedenken und es steht zu befürchten, dass Angela einen wesentlich größeren Fleck an der Wand hinterlässt, wenn man sie mit der Zeitung zerhaut.

Nicht alles, was Geister so labern, hat also Hand und Fuß. Um ehrlich zu sein, haben Geister überhaupt keine Hände und Füße. Deshalb ist ihr Gelaber auch so subtanzlos. Dennoch können Geister eine tragische Wirkung entfalten. Etwa der Geist Barack Obamas. Denn der sagte in Bezug auf die Frage, ob Großbritannien nach einem Brexit schnell ein Freihandelsabkommen mit den USA aushandeln könne, sie müssten sich dann „ganz am Ende der Schlange anstellen“. Und was lieben Engländer mehr als alles andere? Richtig: sich am Ende der Schlange anstellen…

Und dann? Der Rest ist Schweigen…

 

Warum wir jetzt den Schnuppertest machen müssen!

Mein Held dieser EM steht bereits fest. Er heißt Jogi Löw. Der Mann, der in einer kritischen Situation den Mut aufbrachte, sich selbst in die Hose zu greifen, seinen eigenen Intimduft zu goutieren und sich somit von seiner eigenen Identität zu überzeugen: Ich rieche, also bin ich. Damit beweist er eine zutiefst archaische Männlichkeit. Spielausgang für Deutschland: 2:0. Vorgestern gab sich Jogi besondere Mühe, ebenjene Handlung zu vermeiden. Spielausgang: 0:0. Ich will damit nicht behaupten, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat, aber Krake Paul lag ja 2010 auch meistens richtig…

Die Tabuisierung des Körpergeruchs ist eine der großen Geißeln der Menschheit. Und ein Riesengeschäft! Damit Menschen ihre eigene Duftnote verbergen, werden Jahr für Jahr Milliarden in die Kosmetikindustrie gepumpt. Das Übertünchen des eigenen Körpergeruchs hat fatale Konsequenzen. Häufig heiraten Menschen, die von der eigenen Duftnote her überhaupt nicht zusammen passen, weil die Dame beim Kennenlernen wie eine brünftige Moschuskuh riecht und der Herr wie ein Sandelholzwald in einer Pfefferplantage – was erst auffliegt, als ihnen 20 Jahre später das Geld ausgeht. Es folgen Frustration, Scheidung, Radikalisierung, bis sie tragisch als unabhängige Avon-Berater enden.

Hunde sind da weitaus ehrlicher. Bevor sie eine Interaktion miteinander aufnehmen, wird erst mal das Geschlechtsteil beschnuppert – so nehmen sie wichtige Informationen auf: „Aha, weiblich, läufig, na gut, der Abend ist ja noch jung.“ Führte man diese Sitte auch auf menschlichen Cocktail-Stehpartys ein, erübrigte sich manch Nerv tötende Konversation. Da können wir wirklich dankbar sein, dass der Bundestrainer sich öffentlich zu diesen frühzeitlichen Urinstinkten bekennt. Das verleiht ihm und der Mannschaft Kraft. Allein der beruhigende Gedanke: „Ja, das Zeugungspaket ist noch vorhanden – ok, Geruchsprobe riecht nach Hecht – vorwärts, Deutschland!“ Damit schaffen wir es auch über das Halbfinale hinaus!

 

Warum Sie nie wieder Steuern zahlen!

Großkonzerne sparen mit Steuertricks wie etwa „Doppel-Ire mit Holland-Burger“ (Double Irish with a Dutch Sandwich) fast alle ihre Steuern. Doch wie geht das? Ich möchte das gern am Beispiel eines fiktiven Arbeitnehmers namens Norbert erklären. Norbert ist eigentlich Ingenieur und arbeitet für eine große deutsche Autofirma. Welche, ist egal, seine Abgaswerte sind es auch. Norbert will ganz oben mitspielen und hat folgende geniale Idee. Er gründet eine eigene Firma, welche die seine Arbeitskraft und seine Persönlichkeit vermarktet. Sie heißt „Norberts Workforce Limited.“ Die Europazentrale seiner Firma sitzt in Irland. Diese erhält seinen Lohn. Den müsste er jetzt eigentlich in Irland für schlappe 12,5 Prozent versteuern. Norberts Leistungen gehören aber gar nicht der Vermarktungsfirma – das geistige Eigentum, quasi die Lizenz an der Idee einer Persönlichkeit namens Norbert, hält eine zweite irische Firma, nämlich „Norberts Gigantic Brain Superlimited“. Diese Firma ist noch viel limitierter als die erste Firma, weil sich ihr Hauptsitz auf den steuerfreien Bahamas befindet.

„Workforce Ltd“ möchte jetzt also den Lohn von Norberts Arbeitgeber an „Norberts Gigantic Brain Superlimited“ als Lizenzgebühren für die Nutzung von Norberts Genialität weiterleiten, wodurch sein Lohn steuerfrei wäre. Das geht aber nicht, weil sogar Irland auf solche Überweisungen eine Quellensteuer erhebt. Die will Norbert natürlich nicht bezahlen. Also überweist er seinen Lohn bzw. die Lizenzgebühren an eine weitere Tochterfirma mit Sitz in den Niederlanden. Zwischen Irland und den Niederlanden besteht nämlich ein Abkommen, das Lizenzgebühren von Steuern ausnimmt. Diese weitere Tochterfirma, „Norberts Brutaal Gouda Firma“ (zu deutsch: Norberts freche Käse-Klitsche) überweist dann die Lizenzgebühren an „Norberts Gigantic Brain“ auf den Bahamas. Und bingo: Norbert ist steuerfrei.

Gut, wenn alle das machen, braucht man demnächst auf den maroden Straßen des Landes geländegängige Fahrzeuge, aber wozu ist Norbert denn auch bei… oh, jetzt hätte ich fast den Namen von BMW verraten…

 

Warum wir gewinnen!

Man könnte sagen: Im Grunde haben wir schon gewonnen! Denn wer ist nicht dabei? Holland! Der Rest des EM-Turniers, Halbfinale hin oder her, ist jetzt Kür. Gewissermaßen. Und das ist gut so. Denn schließlich kommt die EM keinen Augenblick zu früh. In diesen stressigen Zeiten, in denen die türkische Politik extrem schlecht gelaunt ist, weil vor 100 Jahren ein paar Armenier zu viel starben und die Pussys aus Deutschland das jetzt gleich als Völkermord deklarieren, in denen alle von Flüchtlings-Tsunamis albträumen und es nur noch Brexit, TTIP, Brexit, Brexit heißt, in diesen Zeiten kommt die EM grade rechtzeitig, um uns die verdiente Ablenkung zu verschaffen.

Denn das ist doch das Schöne am Fußball: Es gibt klare Regeln, und am Ende ist der Schiri schuld. Punkt. Schluss mit den Komplexitäten. Es ist EM. Deutschland-Fahnen auf der Wange, Bier in der Hand, endlich mal primitiven Urtrieben freien Lauf lassen: „Hau ihn weg, Boateng, sonst musst du neben Gauland wohnen – Haha!“ Fußball ist Steinzeit, da muss man nicht intelligent wirken, jedenfalls nicht vor dem Fernseher, da wird auch ein lautes „Jaaaaaaaaaaaa, geht doch!“ als wertvoller Diskussionsbeitrag gewertet. Gut, in der Steinzeit ging das Spiel noch etwas anders, da jagten 11 Männer einem Mammut hinterher, und wenn das zu schnell weg war, musste die Sippe hungrig ins Bett und die Spielerfrauen vögelten den Schamanen statt des muskulösen Jägers. Zumal die Jäger nicht zeitgleich von 80 Millionen Nichtstuern angefeuert wurden – es war halt schon auch etwas einsam damals, intakte Umwelt hin oder her.

In den nächsten vier Wochen ist die Welt wieder in Ordnung. Wie in der guten alten Zeit. Und um den Brexit zu verhindern, sagen wir nur: Dann dürft ihr aber nie wieder zur EM – dann ist das Thema vom Tisch. So blöde wollen die doch auch nicht sein. Sind doch keine Holländer…

 

 

Warum wir uns umschauen werden!

Zeit für ein persönliches Bekenntnis: Ja, ich hab was machen lassen! Noch vor wenigen Jahren war ich „Sex-Symbol“ des 20. Jahrhunderts – schrecklich. Ich konnte das Haus nicht verlassen, ohne dass fremde Menschen – Frauen, Männer, Versicherungsvertreter, sogar Hunde – sich auf offener Straße an mir rieben. Zum Schutz meiner Privatsphäre unterzog ich mich einer strikten Diät aus Sahnetorte und Schnaps, legte durch harte Lethargie ein paar Pfunde zu und ließ mir obendrein die Nase zu lächerlichen Dimensionen aufspritzen sowie die Augen verkleinern. Das hat sich gelohnt – mittlerweile kann ich vor die Tür treten und kein Schwein guckt mich an!

Damit ist es bald vorbei. Russische Informatiker entwickelten eine App namens „FindFace“, die willkürliche Fotos mit Daten auf sozialen Profilen abgleicht und so in Sekundenschnelle Informationen zur betreffenden Person liefert. Wird eine junge, attraktive Frau demnächst von einem Fremden in dunkler Limousine auf offener Straße mit Vornamen angeredet und ihren Lieblingsblumen sowie geheimem Wunschkleid plus Ticket in den Traum-Urlaub überrascht, dann könnten Hintergedanken im Spiel sein…

Zum Schutz der Privatsphäre wird es nötig, in der „realen“ Welt eine geheime Zweit-Identität zu entwickeln. Ich habe das bereits getan und ein Double geschaffen, dass niemand groß auffällt – er sagt nichts Relevantes und tut nichts Relevantes. Ja, wirklich. Sie kennen mich vielleicht auch, ohne zu ahnen, dass ich es bin. Ich heiße Alexander Dobrindt…. Wem die tägliche Maske zu aufwändig ist, der kann sich in meinem Start-Up „Sex-Symbols Anonymous“ für nur 39,90 eine einfachere Verkleidung zulegen. Sehen Sie auf dem Kudamm demnächst ein etwas dickliches Wesen mit Burka und Sonnenbrille, ist das nicht unbedingt eine islamische Matrone – es könnte einer meiner Kunden auf dem Weg in einen ungestörten Nachmittag sein!

 

Warum die Uhren falsch gehen!

„Achtung, ab jetzt geben wir Ihnen die Abfahrtzeiten der Deutschen Bahn in Echtzeit durch!“ lautete eine Ansage, die ich jüngst im Zug hörte. Echtzeit, dachte ich, sieh mal an! Welche Zeit haben sie denn vorher durchgegeben? „Achtung, wir geben Ihnen jetzt die Abfahrtzeiten durch. Allerdings in Falschzeit. Alle Züge sind pünktlich…“

Das könnte einiges am Zeitverständnis der Bahn erklären, welches sich ja eher buddhistisch definiert („Zeit ist eine Illusion, alles ist Ewigkeit“). Das unterscheidet die Bahn etwa vom Autofahrer, der die Zeit als kapitalistische Investition betrachtet („Zeit ist Geld“), und daher bewusst auf den Zug verzichtet, weil er die Entfernung Berlin-München mit dem Auto spielend in vier Stunden bewältigt – und „mal ganz ehrlich, der Sprit ist immer noch billiger als dieses Ökozeug von der Bahn.“ Immerhin fährt er einen VW-Diesel…. Um dann acht Stunden später genervt einzutreffen, wofür er allerdings nichts kann, da Stau war und „der blöde Staat die Autobahn nicht den tatsächlichen Anforderungen angepasst hat“. Also ein Zeitverständnis, dass sich außerdem am Existenzialismus orientiert „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Jean-Paul Sartre).

Ich stelle mir häufig die Frage, ob wir überhaupt in einer realen Welt leben. Neulich saß ich in der Kantine des Berliner Ensembles und hörte folgende Ansage (zu Schillers „Die Räuber“): „Die Herren Räuber bitte in der Requisite die Waffen abgeben!“ Ja, dachte ich, vielleicht hatte Shakespeare recht, als er sagte: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ Vielleicht treten wir alle auf und müssen am Ende des Lebens in der Requisite die Waffen (oder den Löffel) wieder abgeben. Um dann zu entdecken, dass die deutsche Bahn immer schon die Mutter der Philosophie war, und auch die Echtzeit bloße Illusion…

Warum wir reden sollten!

Ausländer sind Arschlöcher. Nicht alle. Klar. Auf einer Normalverteilungskurve ist etwa ein Drittel der Ausländer toll. Ein Drittel ist normal und etwa ein Drittel blöde. Dummerweise trifft das auf Deutsche auch zu. Da hier mehr Deutsche als Ausländer wohnen, gibt es natürlich mehr deutsche als ausländische Arschlöcher.

Nun hat Herr Gauland von der AfD eine interessante Behauptung aufgestellt, der zufolge „die Leute einen Boateng“ nicht zum Nachbarn haben wollen. Abgesehen von der für einen Juristen wie Gauland sehr dünnen Beweislage sowie der Tatsache, dass der Politiker und Boateng sich höchstens in Hautfarbe und Fußballfertigkeit unterscheiden, nicht jedoch in Nationalität oder Religion – ich persönlich ziehe einen Boateng als Nachbarn vor. Schon weil ersterer vermutlich nicht ganz so viele verbitterte „besorgte Bürger“ in die Nachbarschaft holt. Vermutlich wäre eine Mehrheit „der Leute“ da auch meiner Meinung (schon wegen der Autogramme für die Kinder). Zumal sich die Frage stellt, ob eine Partei, die nicht neben der deutschen Nationalmannschaft wohnen will, noch das Prädikat „für Deutschland“ im Namen führen darf? Vielleicht sollte es nur noch „Alternative für Boateng, Özil, Mustafi, Khedira & Co“ heißen. Oder kurz: „Fanclub Marco Reus“!

Apropos: Neulich brannte im Haus eines Freundes der Dachstuhl. Ein bisschen. Alle Mieter wurden von der Feuerwehr vors Haus geholt und fingen vor Langeweile an, auf der Straße im Pyjama miteinander zu reden. Und Bier von der Tanke zu holen. Auf einmal stellte sich raus, dass die ukrainische Zicke aus dem zweiten Stock durchaus Humor hat. Der bärtige Afghane (bisher nur als „ Taliban“ bekannt) hatte sogar in Oxford studiert. Als die Feuerwehr abrückte, war der Spaß so groß, dass sie im nächsten Jahr wieder ein Dachstuhlfeuer vereinbarten.

Konfliktforschern zufolge können die meisten Nachbarschafts-Streits durch „einfach mal reden“ vermieden werden. Vielleicht sollte man Gauland und Boateng und alle Fremden-Fürchter mit allen Fremden in ein gemeinsames Wohnprojekt sperren. Und dann den Dachstuhl anzünden…